>>Der erste Tote des Tages verheißt neues Leben.

Die ersten Sonnenstrahlen blicken durch mein Fenster und streicheln sanft mein Gesicht. Die letzten Tage waren emotional sehr anstrengend, doch heute wache ich energiegeladen auf. Voller Enthusiasmus und Zuversicht. Ich schnappe mir meine Gitarre und hüpfe zur Tür hinaus. In einiger Entfernung steht ein junger Mann am Strand an seinen drei Angeln. Während ich mir noch ein Plätzchen suche um den Morgen zu begrüßen, zuckt eine seiner Ruten und kurze Zeit später hält er einen 40cm Brummer in der Hand. Unsere Blicke begegnen sich, er grinst, streckt mir seinen Daumen entgegen, ich winke und lache zurück. Er freut sich seines Toten. Ich freue mich meines Lebens.

Wer weiß, wie viele Stunden er so ausharrte, bis einer anbiss.

Wer weiß, wie viel ich noch reisen darf, bis ich Leben und das darin enthaltene Sterben endlich wertungsfrei annehmen kann.

Seit Weihnachten rollt MR PINK wieder. Das erste Mal seit drei Jahren zieht es mich in die Ferne, in den Süden. Nun bin ich in Spanien. Das erste mal in meinem Leben allein on the road. Jeden Meter entscheide ich selbst. Für jeden Schritt trage ich die Verantwortung. Das, was ich mir immer als Horror-Einsamkeitsszenario verlassener Helden vorgestellt hatte, entpuppt sich nun als Training in Selbstfindung und ist einfach nur: entspannt.

Was will ich denn eigentlich wirklich? Was suche ich hier? Der letzte Winter allein am Kamin, im selbstgebauten Bauwagen in Brandenburg war traumhaft, lehrreich, schmerzhaft, kalt und einsam. Ein Trennungsprozess von meinem alten Selbst.

Wie wird dieser Winter, der mit Sonne, Strand und Gewächshäusern bis zum Horizont beginnt, die uns zuhause auch bei Temperaturen unter 0 mit roten Erdbeeren versorgen?

Egal wo ich hinblicke, mir begegnen Thematiken die mich nicht kalt lassen. Seien es tote Fische, die gerade noch quicklebendig durchs Meer tollten, oder die kolossale Überlastung und Verschmutzung unserer Umwelt, an der ich durch meinen rollenden Palast ebenso mit beteiligt bin. Es ist unglaublich, welche Kolonnen an 4-rädrigen-Wohnungen hier durch´s Land rollen. Ist das wirklich die letzte der Freiheiten?
Können wir eigentlich über diesen Planeten wandeln, ohne ihn mit jedem Schrittchen weiter zu zerstören? Oder ist das alles im Plan der Evolution so vorgesehen? Wer weiß, was nach uns passiert? Intelligentes Leben könnte ja auch intelligenter aussehen und handeln, oder nicht? Vielleicht sind wir ja gar nicht das Ende der Fahnenstange? Wir können ja noch nicht einmal unsere eigenen Spiegel erkennen. Da kommt ein Virus und zeigt uns, was wir sind. Fressen wir nicht auch unseren Wirt auf? Wie können wir diesem kleinen Dingchen dann einen Vorwurf machen, für das, was wir selber die ganze Zeit tun? Und obendrauf müssen wir nun Masken tragen, die wir im Inneren doch schon die ganze Zeit freiwillig tragen, um uns möglichst voreinander zu verstecken. Das Wort Person kommt vom Lateinischen und bedeutet so viel wie Rolle oder Charakter. Aber halt auch: eine Maske. Spielen wir uns die ganze Zeit etwas vor?

Was für ein kosmischer Witz. Und ebenso ein tragischer, wenn wir verkennen, wie wir selbst diese Geister riefen.

Ich mache mir also Gedanken zur Welt und zu unserem Weg. Was soll ich auch sonst tun mit diesem Ding zwischen meinen Ohren, welches alles in Richtig und Falsch unterteilen will?

Nach fast 15 Jahren Pause bin ich nun endlich wieder so weit, meine Gedanken in Musik zu verarbeiten. Die Gitarre spielt sich endlich von selbst. Ich hatte ja auch letztes Jahr viel Zeit, mich in sie versinken zu lassen. Ich schreibe Texte. Ich finde meine Stimme wieder. Irgendwann hatte ich die verloren. Zögerlich kommt sie nun wieder hinter der Balustrade hervor und singt ihre Balladen. Erstmal nur für mich, bald wohl auch für euch. Da ist Freude am Dasein, da ist Dankbarkeit über jeden kostbaren Moment, welchen wir nicht erklären können. Welchen wir für uns nutzen dürfen. Für uns und für Andere. Wird Glück nicht mehr, wenn man es teilt? Vielleicht teilen wir einfach zu wenig …

Und da ist unsäglicher Schmerz. Schmerz, welchen man nicht mit Worten beschreiben kann, der aber abfließen darf.

Vor unserer Abreise haben Sascha und Ich noch einen letzten Podcast zum Thema Reisen aufgenommen. Stichwort: Wir werden im Außen nie das finden, was wir im Inneren vermissen. Daher suche ich hier im Süden keine touristischen Highlights, sondern finde meine Erfüllung im Ausdruck meiner Selbst. Nicht der Ort ist es, den du suchst … es ist ein Gefühl. Wenn ich das Glück zuhause nicht finden kann, werde ich es auch am Ende der Welt nicht finden – so ging es mir leider oft. Nun ist irgendwas anders.

Ich habe Zeit. Kein Ziel mehr. Bin auf mich gestellt. Kann kreativ sein und mich verarbeiten, so dass ihr davon sogar etwas habt, wenn ihr mögt – auch …. weil ihr mir die Möglichkeit gebt, genauso leben zu können, dieses Experiment in Vertrauen und Freiwilligkeit zu wagen. Irgendjemand muss es ja mal probieren, oder?

Ich knabbere nicht am Hungertuch. Es ist eher andersrum: ich fühle mich so unendlich reich und beschenkt. Und das seit mehreren Jahren. Trotz – und gerade durch die Schmerzen, die mich wachsen ließen. Das ist Gnade. Manchmal könnte ich einfach nur demütig niederknien vor den Geschenken, die ihr mir macht. Und ich weiß gar nicht so sehr, ob es wirklich ein Handel ist, denn das was ich euch geben kann aus meinem Leben ist ja auch „nur“ ein Geschenk.

Dieses Jahr wird ein Wendepunkt in unserer Geschichte. So wie es aussieht wird es einen dritten Teil unserer Reisetrilogie AUF DER ANDEREN SEITE DES FERNSEHERS geben. Teresas und meine Wege sind auseinandergelaufen, doch finden wohl – Inshallah (so Gott will) – Mitte des Jahres wieder zusammen, um unsere Geschichte zu Ende zu erzählen. Liebe hört nie auf, nur ihre Formen werden vielfältiger und wandeln sich stetig.

Im Moment schreibe ich an meinem ersten kleinen Büchlein zu unseren Existenzfragen, welches ich in naher Zukunft hier kapitelweise veröffentlichen werde. Ciao Ciao Bezahlbarrieren. Geschichten wollen erzählt und gehört werden. Der Rest kommt dann schon.

Unsere Menschheit krankt an Druck, Überforderung, Angst vor dem Leben. Wir sind kollektiv traumatisiert, von einer Leistungsgesellschaft, die gegen uns arbeitet, während sie uns verspricht, uns abzusichern. So weit, bis wir keinen selbstständigen Schritt mehr tun können. Ich stelle mir immer wieder die Frage: Wie kann ich am besten Mut machen? Wie kann ich Verbindung fördern? Wie bringen wir Heilung, Frieden und Entspannung in die Welt? Nicht in Zukunft. Nicht irgendwann und mit irgendwem, der ja gerade fehlt. Nicht erst, wenn die anderen so weit sind. Sondern in jedem Moment, genau DA wo ich bin? Sehe ich Chancen, oder ist mein Blick schon so getrübt, dass sowieso alles für die Katz ist?

Ich mache mir einen Kaffee und bekomme den Impuls, gleich noch einen zweiten zu kochen. Als ich bei dem jungen Fischer ankomme wechseln wir ein paar Worte miteinander, doch er wird gleich nach Hause fahren und dort Kaffee trinken. Okay, dann trinke ich halt zwei.

Ganz liebe Grüße und stets einen klaren Blick in Richtung Optimismus wünscht euch

Martin

Hier geht´s zum Podcast MÄNNER* auf der Reise mit Sascha: https://spoti.fi/3n8vci4

Hier geht´s zum ersten kreativ musikalischen Output des Jahres (auch ohne Facebook Mitgliedschaft einfach anschauen, wenn du magst): https://fb.watch/aqoVZOGJ-7/

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