>> Das Ende unseres Naturprojektes? Ein Kampf gegen Windmühlen? Die Geschichte von der Freiheit, von Mensch & Natur(schutzbehörde).

Ein Stück Land in Brandenburg. Zufällig am äußersten Rand eines fast 4000ha großen Naturschutzgebietes gelegen (das war uns beim Kauf nicht bewusst). Neben einer Hundeschule. Ein lange genutzter Acker, den wir seit zwei Jahren zur Streuobstwiese / permakulturellen Waldgarten umgestalten. Hier stand ich oft mit meinem Camper, arbeitete mit meinen Händen und auf Solarstrom an unseren Filmen, sah dem Gras beim Wachsen zu und Freunde kamen zum Helfen und Entspannen vorbei. Mein absoluter Traumplatz (neben der Wüste Gobi 😉 ). Das gefällt natürlich nicht allen, egal wie gut unsere Konzeption – unserer Meinung nach – aussieht. Auch verständlich.

Zukünftig wollten wir nicht nur allein pflanzen, sondern diese Handarbeit zeitweise mit Seminaren, Retreats, Coaching und Naturtherapie in kleiner, einfacher, 0-Energie-back-to-the-roots-Camping-Atmosphäre koppeln. Keine hundert Wohnmobile. Kein Campingplatz. Ein paar Menschen in der Stille. Ein Schnittstelle zwischen Natur(schutz) und Menschlichkeit.

Aber besser, man fängt erstmal an, als zu viele Fragen zu stellen – dachten wir uns. Zum Glück. Denn hätten wir gefragt, wären wir keine zwei Jahre dort gewesen und unsere Bäume würde nicht wachsen. Denn … so eine Verordnung erlaubt das eben nicht. „Lagern“ ist im Naturschutzgebiet generell nicht erlaubt. Wohnen im Auto übrigens in ganz Deutschland auch nicht. Denn… wenn das alle machen würden? Ist das gängige Argument.
Doch selbst Übernachten unter freiem Himmel ist scheinbar nicht gestattet. Kochen am Feuer erst recht nicht, denke ich mir, während mein Kaffeewasser langsam warm heiß wird.

Interessant .. denke ich so bei mir. Warum eigentlich nicht, wenn man der Natur etwas zurückgibt, keinen Müll hinterlässt (sondern den Boden aufbaut), unglaublich wenig Energie verbraucht, Menschen die Natur näher bringt, anstatt um die halbe Welt zu fliegen um eine andere Natur zu „benutzen“? Wer schützt hier wen?

Ich sitze also im Büro der Naturschutzbehörde. Zum zweiten Mal. Geladen wegen verschiedensten Verstößen gegen eine 20 Jahre alte Verordnung. Ein altes Militärgebiet und angrenzende, verfallende Kiefer Monokulturwälder sind zur Schutzzone erklärt worden. Und das ist auch gut so, finde ich jedenfalls. 3799ha können „ungestört“ gedeihen (dazu kommen wir gleich). 1ha könnte als Schnittstelle zum Dorf dienen.

Der Amtsleiter und die Sachbearbeiterin scheinen nett, doch bestimmt auf ihr Anliegen hinzuweisen: die Verordnung muss umgesetzt werden, Ausnahmen können sie leider nicht machen, obwohl es theoretisch gehen würde; wäre ein allgemein-regionales Interesse an unserem Projekt zu ermitteln. Ich kontere, dass wir über den Obst- und Gartenbauverein agieren, Bürgermeister, der Leiter des Naturparks (Schnittstelle zwischen Tourismus und Naturschutz) und viele Anwohner es begrüßen, dass junge Menschen in der Region tätig sind. Selbst, wenn sie es uns erlaubten, könne dagegen eine höhere Behörde klagen, meinte der Amtsleiter. Konjunktiv.
Also lieber nichts verändern.

Die Behörde ist 40km entfernt. Es scheint nicht so, als hätten die anliegenden Dörfer ein Mitspracherecht. Unsere Ackerfläche sollte ja auch eigentlich eine Magerwiese bleiben (davon wusste unser Bauer, der Verkäufer aber auch nichts).
Warum konnten wir sie überhaupt kaufen? Und… selbst, wenn wir uns außerhalb des Naturschutzes niederließen – dann kommt die nächste Behörde auf den Plan, denn auch im „Außengelände“ ist so ein Unterfangen bisher nicht so einfach möglich.
Doch was wäre, wenn es genau darum ginge? Mit Menschen ganz direkt in der Natur sein, ohne zu bauen; schreibe ich, während ein Hase vor meiner Tür entlanghoppelt. Es ist ja alles super schnell wieder entfernbar.

Doch meine Argumente zählen leider nicht. Schon bevor ich mit meiner Projektmappe antrete ist das Ergebnis scheinbar schon abgeklärt. Wir debattieren über Naturschutz generell und ich merke schnell, dass hier andere Maßstäbe gelten. Man hat einen Plan und der muss umgesetzt werden. Was als natürlich gilt und was nicht, legt eine alte Verordnung fest. Nicht der Beobachter, der vielleicht neue Erkenntnisse vorbringen könnte.

Das vormals gerodete Militärareal ist nun eine mit Heidekraut und anderen Sträuchern bewachsene, offene Heidelandschaft mit Niedrigbewuchs und soll es auch bleiben. Schön… denke ich. Ich liebe diese Art von Steppe und wie sie sich verändert. Ich sehe, dass junge Bäume von den Rändern her in die offene Fläche reinwachsen und freute mich darüber, dass der Wald sein Gebiet zurück erobert. Jeder Millimeter Wald und beschatteter Boden ist wichtig. Meine Auffassung von Naturschutz.
Fassungslos war ich, als Anfang des Jahres einige hundert Hektar mit schwerem Gerät gerodet wurden. Der Boden sieht aus, als wären wieder einmal Panzer gefahren. Letztens sprach der Förster noch von „wertvollen Trockenbiotopen“. Ich frage also, wie das im Sinne des Naturschutzes sein könne. Laut Verordnung, müsse die Heide als Heide freigehalten, der Wald zurückgedrängt werden, meint die Sachbearbeiterin, und erwähnt die Artenvielfalt. Als ich vorsichtig zu Bedenken gebe, dass es ja nur natürlich sei, dass der Wald sich ausbreite, dies mir sogar wünschenswert erscheine (Wald = Verdunstung = Abkühlung = Regen = grüne Lunge = Bodenbeschattung = Humusaufbau = Artenvielfalt einer anderen Art), werde ich vehement zurückgewiesen. Ich wage mich einen Schritt weiter vor und bringe die andauernde Trockenheit ins Spiel, dass ich die Versteppung der Landschaft erkennen könne, dass an vielen Stellen schon sandige Wellen das Bild formen und dass man doch aufpassen müsse, keine neue Wüste zu schaffen.
Der Amtsleiter nimmt meine Worte freudig zur Kenntnis und meint, dass so eine Dünenlandschaft doch wieder eine tolle, neue Artenvielfalt hervorbringen würde. Ein neues Biotop!

Ich bin nun doch langsam irritiert. Wer speichert besser Treibhausgase? Ein Wald? Oder eine Sandfläche?
Es scheint mir, als ginge es nicht darum der der Natur ihren Lauf zu lassen, sondern um eine schicke Sammlung von Biotoparten und glaube nun doch eher an touristische/wirtschaftliche Interessen. Denn… eine Heidelandschaft lässt sich besser vermarkten, als ein Wald. Den gibts ja überall.

Von unserem Freund Rolf höre ich: Vor ein paar Jahren gab es mal EU-Fördermittel für die Schaffung von Mooren. Demnach wurden einige Wiesen geflutet und nun dürfen ein paar hundert Jahre ins Land gehen um dann dort wieder etwas Neues zu bewundern. Seine Wiese steht seit dem unter Wasser. Keine Entschädigung. Er wurde – wo wie viele andere im Dorf – nicht gefragt. Die Dokumente zur Einsicht hätten in einem anderen Ort ausgelegen, wurde ihm gesagt. Doch das wusste keiner.
Ich muss innerlich lachen, da es mich an Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“ erinnert: Als die Erde zerstört wird erklären die Vogonen, die Unterlagen hätten ein paar Millionen Jahre auf einem anderen Planeten eingesehen werden können.

Ich komme wieder zurück zur Verordnung, und frage nochmals, wie es denn nicht möglich wäre, eine Ausnahme zu arrangieren. So einen Waldgarten gibt es noch nicht in der Region. Wie es denn ausschaue, eine Lösung zu finden, die Einwohner und Behörde zufriedenstellt. Wir würden auch weitere Unterstüzter suchen und hoffentlich finden.
Nein, dann müsse man das ja allen erlauben, meint der Amtsleiter. Weil das die deutsche Rechtssprechung wäre. Und genau das ist ein strukturelles Problem, meine ich und ernte verständnislose Blicke. Und … nur weil es in einer Verordnung stehe, müsse es doch nicht unbedingt richtig und gut für alle sein; meine ich und wage mich auf ein gefährliches Terrain. Sofort wird es eiskalt im Raum. An dieser Stelle erschüttere ich scheinbar Weltbilder.
An Schriftstücken zweifeln? Das darf man ja in der guten deutschen Bürokratie noch nicht einmal denken, geschweige denn aussprechen.

Es ist als würde man einem Kind etwas verbieten wollen und dieses fragt: warum darf man das nicht? Weil wir das schon immer so gemacht haben.Ein Klassiker.Die Sachbearbeiterin grinst süffisant und fragt, ob wir schon an Auswandern gedacht hätten, wenn wir uns mehr Freiheit wünschen.Da merke ich: So komme ich nicht weiter.
Aber wie dann?

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So oft höre ich: Das ist halt so in Deutschland. Oft wird gejammert und gemeckert, aber kaum einer glaubt daran, dass sich etwas ändert. Ich will nicht meckern. Ich glaube daran, dass sich etwas ändern muss! Ich weiß, dass Menschen in Behörden ihr Bestes geben und an das jeweils Beste glauben; sich selbst schützen wollen und Gesetze für wichtig halten. Ich bin da generell auch nicht dagegen und will niemandem in diesem Spiel einen Vorwurf machen, denn ich weiß: Das Leben hat mich hergeführt und mich vor diese Aufgabe gestellt. Wir sind Sparringpartner. Ich lerne Kommunikation, auch wenns manchmal weh tut. Weiter ziehen kann ich immer noch und bin dankbar, dass die beiden mir nicht gleich eine Strafe aufbrummen. Denn eigentlich fänden sie meine Idee ja ganz gut, meinen sie. Nur halt nicht hier. Doch wo dann, wenn campen (ob Zelt oder Auto) überall verboten ist und ich mich außerhalb ihres Gebietes (Verantwortung dann halt verschoben), mit der nächten Behörde auseinandersetzen darf? Wäre es nicht besser, Menschen würden hier ihre Natur genießen, anstatt um die halbe Welt zufliegen (sagt der Weltreisende, der sich seines ökologischen Fußabdrucks durchaus bewusst ist und immer und immer wieder an der eigenen Energiebilanz verzweifeln möchte – aber Zweifeln ist wichtig. Nur daraus entsteht Veränderungspotenzial).

Was daraus wird weiß ich nicht, doch ich kann darüber erzählen und mein inneres Lächeln kommt zurück. Das ist scheinbar mein Leben. Ich bin in der Natur, genau wie ich wollte. Ich gebe meine Hoffnung nicht auf, obwohl mir gestern dann Tränen über die Wange liefen. Da ist ein Schmerz, obwohl ich weiß, ich habe nichts falsch gemacht. Aber mein Lebtag gegen Mauern rennen? Mir von einer „äußeren Macht“ meine Gefühle und Gedanken bestimmen lassen (die wollten sich in den letzten Tagen nur noch um dieses Thema drehen. Unsicherheit. Unruhe. Angst)?Ich erinnere mich daran, dass es eigentlich wie auf einer Reise ist. Man kommt. Man geht. Und ein Weg wird sich immer finden.Was bringt ein Kampf gegen Windmühlen, wenn die doch von selber zu drehen aufhört, wenn der Wind nachlässt? Oder müssen wir genügend Wind machen, bis ihre Lager heiß laufen? Ich jedenfalls freue mich auf den Tag, wenn Mensch und Behörde sich nicht mehr als Widersacher betrachten, sondern zusammen neue Wege beschreiten. Darüber würde ich viel lieber berichten. Denn… wer bezahlt hier wen? Wer dient hier wem?

Liebe Grüße und schöne Pfingsten aus einem kleinen, selbstgebasteltem Recycling-Bauwagen auf dem Feld eines befreundeten Bauers (der ist „privilegiert“ und darf sowas hier abstellen und ich helfe ihm bei der Waldpflege). Martin

7 Gedanken zu „>> Das Ende unseres Naturprojektes? Ein Kampf gegen Windmühlen? Die Geschichte von der Freiheit, von Mensch & Natur(schutzbehörde).

  • Mai 27, 2021 um 7:47 pm
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    Macht weiter so! Mein 7-jähriger Sohn ist ein großer Bewunderer von Euch und Mr. Pink. Für ihn/uns ist es so richtig und konsequent wie Ihr lebt. Wir wünschen Euch weiterhin viel Kraft, Mut und Zuversicht!

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    • Juni 9, 2021 um 12:30 pm
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      Hallo Martin,
      wenn ihr mal eine Auszeit braucht und etwas zur Ruhe kommen wollt, die Gedanken kreisen lassen, sie keine Gedanken machen. Komm doch mit deiner Freundin nochmal bei uns lang, du kennst du kannst das Gelände die Menschen und die Ruhe ja schon vom letzten Jahr.
      Zauberhafte Grüße
      Anne aus Hohenlanke

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      • Juni 9, 2021 um 5:05 pm
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        Hey Anne, das ist ja suuuuper witzig. Grad gestern hatte ich das erste mal seit Ewigkeiten die itsleif Münze in der Hand und hab an euch gedacht 🙂 Ich versuch diesen Sommer zu kommen! lg Martin

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  • Mai 28, 2021 um 2:19 am
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    Danke für deine tollen Berichte. Ich wünsche mir so sehr, dass endlich ein Umdenken im „Staat“ stattfindet und solche tollen Projekte endlich nicht nur eine Chance haben, sondern sogar gefördert werden. Endlich eine Gesetzgebung die solche Lebensformen zulässt.
    Doch befürchte ich, dass dafür erst ein noch größerer Ruck durch die Menschheit gehen muss. Dass viel mehr Menschen nicht nur diese Form von Naturschutz, sondern allgemein mehr echten Naturschutz leben und leben wollen. So viele, dass der Staat nachziehen muss. Leider haben sehr viele den Knall noch nicht gehört, verschließen die Augen, verdrängen, verstecken sich hinter unechten Argumenten, und kaufen fleißig Trauben aus Südafrika, Fleisch aus Massenzucht, verwenden Plastiktüten und Einwegverpackungen für jeden erdenklichen Mist, werfen ihren Müll unterwegs aus dem Fenster, usw…
    Ich drücke ganz fest die Daumen und hoffe, dass sich da mal richtig was ändert, dass Naturschutz einen wesentlich höheren Stellenwert hat und das solche naturnahen Lebensstile endlich eine Chance haben und am besten sogar gefördert werden. Mein Mann und ich wären, wie so mancher anderer auch, sofort dabei.
    Meinen und unser allergrößten Respekt und einen noch größeren Dank für dein Durchhalten und deinen Kampf.
    Ich wünsche dir weiterhin die Kraft für deinen wünschenswerten Lebensstil und drücke ganz fest die Daumen für ein baldiges Verstehen und Einlenken der Behörde.
    Liebe Grüße Tatjana

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  • Mai 31, 2021 um 4:54 pm
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    Lass Dich nicht unterkriegen. Falls es Euch zu bunt wird, kommt Mal bei Uns in Rumänien vorbei, da kann man überall Campen, und für ein paar hundert Euro bekommt man auch einen schönen Fleck Erde.

    Mit freundlichen Grüßen, Bianca& Patrick aus Transsilvanien

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  • Juni 1, 2021 um 7:26 am
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    Lieber Martin! Sehr sehr schade was Du da berichtest! Dich wie Du schon berichtest, Du bist in Deutschland. Was mit Verordnungen alles möglich erscheint erleben wir gerade in der C. Thematik. Es ist nicht gewollt daraus zu entkommen…
    Du hast sehr viel von Menschen und der Natur geschrieben, doch dafür sind sie Behörden nicht zuständig. Sie haben die Aufgabe Personen zu verwalten. Vielleicht kann der Weg einer Lösung dort anfangen.
    Liebe Grüße und Alles Gute!
    Klaus

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  • Juni 3, 2021 um 2:59 pm
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    Als Jäger und Waldbesitzer (mit nach einem Jahr abgebrochener Forstwirtschaftsausbildung) muss ich übder deine Naivität schon arg schmunzeln. Besorg dir für die rechtliche Argumentation den Kommentar von Endres zum Naturschutzrecht (978-3-503-01489-7) und lies dich beim Thünen Institut zu den Themen Ökosystemleistung und Naturraumgliederung ein. Und dann such dir ein Land in dem du das umsetzen kannst. Schweden, Norwegen, Kanada, Neuseeland…

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