☘️ Ökologie. 🌏 Reisen. 🚎 Vanlife – klare Fakten zum Leben im Auto.

☘️ Ökologie. 🌏 Reisen. 🚎 Vanlife – klare Fakten zum Leben im Auto.

Wir liegen auf dem Oberdeck einer mittelgroßen Fähre in der Sonne. Einige Mitreisende stehen noch an der Reling, rauchen und betrachten die immer kleiner werdende Hafenstadt Genua, die im Sonnenuntergang, wie in eine
Wolke gehüllt, gelblich schimmert. Die Motoren lärmen, man spürt die Vibration der 30.000PS, die einige Etagen unter uns werkeln, um uns über das Mittelmeer zu schippern. In den blauen Himmel über uns legen sich immer wieder dicke bräunliche Rauchschwaden, die der Kahn in Unmengen und dauerhaft in die Atmosphäre pustet. Für uns und mit uns. Genua liegt ziemlich ungünstig am Hang. In unserem Smog.

MR PINK – in Ketten gefesselt – ruht irgendwo im Bauch des Schiffes und bereitet sich wohl seelisch und moralisch auf sein nächstes, kurzes Abenteuer vor. Ein neuer Kontinent. Sein dritter. Afrika. Endlich wieder Wildnis, Dünen, Wege ins Nirgendwo. Sein natürlicher Lebensraum, wie er uns so oft nonverbal kommunizierte, oder wie wir wenigstens zu glauben vermuten. 2,7t Liebesnest, Wohnraum, Metalle und Kunststoffe in unzählbaren Formen bewegen wir um den Globus. Unser Mitsubishi hat für uns natürlich eine gewisse Art von Eigenleben. Seine Seele sozusagen; doch er hat Glück. Er muss nicht über seine eigene Ökobilanz nachdenken. Wir schon, denn wir füttern ihn mit – für uns – moralisch verwerflichen Substanzen. Irgendwie ganz schön paradox. Ich glaube, dass wir nicht am Ast sägen sollten, auf dem wir sitzen, doch gleichzeitig tue ich es auf meine Art die ganze Zeit. So wie fast alle meiner Mitmenschen.

Und da erlauben wir uns, über Ökologie zu sprechen?
Also Butter bei die Fische. Mit Ehrlichkeit zu sich selbst und zur Welt fängt alles an. Mit einem Auto reisen, in einem Auto leben, mit einem Auto durch die Gegend fahren sieht bei uns so so aus:
– 11 Liter Diesel Verbrauch bei 80km/h. Bei Gegenwind auch gerne mal 14l
– 1 Liter Benzin pro Woche für unseren Kocher
– 0,1 – 0,3 l Diesel für die Luftheizung pro Stunde, wenn die Temperaturen fallen
– eine Wohnkabine aus aufgeschäumtem Kunststoff, verbunden über Kunststoffprofile mit Kunststoffkleber mit einem Innenraum aus Kunststoffwabenplatten. Durchsichtiger Kunststoff in den Wänden um rauszuschauen. Wir schlafen auf Kunststoff, wir essen von Kunststoff. Wir essen Kunststoff. Und die ganz natürliche Holzarbeitsplatte der Küche? Aus irgendeinem preiswerten Holz, welches sicher nicht in heimischen Wäldern gewachsen ist.
– Unzählige, energieaufwändig verarbeitete Metalle für unsere Fortbewegung.
– Ab und an ein Tröpfchen Öl, was herunterfällt, egal wie sehr man versucht aufzupassen.
– Gummiräder, die sich zu Feinstaub auflösen und immer wieder für unser Vergnügen hergestellt und getauscht werden müssen.
– Solarzellen, die mit ungeheurem chemischem Aufwand und kleinem Wirkungsgrad unseren Strom sichern sollen.
– Eine Lithiumbatterie, Boardelektronik, Tablet, zwei Handys, zwei Laptops, eine Drohne, zwei Kameras, Musikanlage. Wo doch seltene Erden und Salze unter unmenschlichen und absolut bodenschädigenden Methoden aus der Erde geholt werden. Und Menschen wegen Überarbeitung im Schichtbetrieb – irgendwo in Asien – tot umfallen.
– Jedes Ding welches wir besitzen wurde wohl in irgendeiner Form schon einmal über die Weltmeere gefahren.

In unserem Auto und unserem Leben steckt unfassbar viel Energie aus der ganzen Welt. Höchstwahrscheinlich nicht nachhaltig gewonnen, sondern aus Kohle oder Uranvorkommen bereitgestellt. Tausende Arbeitsstunden von tausenden Arbeiter, die für Löhne produzieren, für die wir nicht einmal aufstehen würden, flossen in die Entwicklung und Entstehung unseres Reisebegleiters. Nicht zu vergessen: Wir sind auf einem Schiff. Schiffe sind wohl die schlimmsten Luftverpester, die man sich so vorstellen kann und obendrauf wurden die meisten technischen Errungenschaften der Neuzeit – wie zum Beispiel die Motoren – von Menschen der reichen westlichen Länder (oh Mann, sind wir stolz auf die vielen Deutschen Erfinder) entwickelt, mit deren verspäteten Konsequenzen wir uns heute herumschlagen. Globalisierung live erlebt. Ausbeutung und Umweltverschmutzung auch. Wir sind Teil davon und machen mit, wie mir immer klarer wird. Alles ist Prägung.
Ich fahre nur Auto, da ich damit aufgewachsen bin, eine Liebe dazu entwickelt habe, da Fahren mir Freude macht und irgendjemand vor mir dieses Ding erfunden hat. Würde ich schlechter leben, unglücklicher sein, hätte das Auto niemand erfunden und ich wüsste ich von diesem Ding nichts? Das bleibt ein mentales Konstrukt, doch ganz klar ausgedrückt: Auto fahren tut niemandem gut. Außer mir, wenn ich damit irgendwo hinkomme, wo ich hinwill. Und wo will ich hin? Und wie oft? Und wie weit?

Ziemlich erdrückend, so einen ungeschönten Bericht über die eigene Lebensrealität offenzulegen. Wenn man sich der Tragweite seines eigenen Konsums zum ersten Male bewusst wird, kann es ziemlich ungemütlich werden. Es gibt Tage, an denen ich über meine Klimabilanz nicht nachdenken möchte, Tage, an denen ich sie verurteile und Tage, an denen ich mich für mein Sein und mein Tun wunderbar rechtfertigen kann. Denn zum Glück gibt’s in der Realität immer noch die Relativität. Den Vergleich. Nur so können wir uns abgrenzen und uns über andere selbst erkennen. Ich bin ja nun nicht allein auf weiter Flur und andere Menschen leben ihr Leben auch nach bestem Wissen und Gewissen. Nun möchte ich den Vergleich wagen. Ob ich es darf oder nicht? Irrelevant. Die Wahrheit liegt sowieso immer im Auge des Betrachters. Es wird Menschen geben, die mich wegen meines Lebensstils verurteilen und es wird Menschen geben, welche sich mit Hilfe meines Tricks der Relativierung in meinen Worten wiedererkennen.

Ehrlich gesagt bin ich doch meistens ziemlich froh über meinen Lebensstil. Er ist klein. Er ist gemütlich. So viel wie möglich habe ich gebraucht gekauft, oder vor dem Müll gerettet. Ich habe auf 6qm alle Annehmlichkeiten, die ich mir wünsche. Ich heize nur einen minimalen Raum, den ich zum Leben brauche. Müsste ich eine Schätzung abgeben, dann würde ich wohl sagen: von Mitte November bis Mitte April waren es pro Monat wohl 10-15l Diesel, die es mir gemütlich machten, auch weit unter dem Gefrierpunkt. Mit meinen 60l Wasser versorge ich mich für fünf Tage, kann es aus so ziemlich allen Quellen entnehmen und zum Trinken selber filtern [Filterwechsel aller drei Monate]. Ich dusche zweimal die Woche mit ca. 3l warmem Wasser, das bei Fahren, oder über Solarenergie erhitzt wird. Gleiches gilt für meinen Stromhaushalt. Ich lebe abseits des Netzes und arbeite mit meinen Geräten über erneuerbare Energiequellen, oder fülle unseren Speicher beim Fahren wieder auf. Hoffen wir mal, dass die Lithiumbatterie und die Solarzellen ihren horrenden Energieaufwand in der Herstellung über die versprochenen 10-15 Jahre Lebensdauer wieder einspielen. Nur im tiefsten Winter musste ich mich für eineinhalb Monate zum Videoschnitt ins Stromnetz einklinken. Mein 300W Laptop zum Videoschnitt ist wohl der Stromfresser Nummer eins und eine Belastung für unseren Energiehaushalt, vor allem an dunkleren Tagen. Fair produzierte Computertechnik? Keine Chance. In jeder Elektronik steckt fast immer unfair und Ausbeutung.
Ansonsten läuft nur unser 15 Jahre alter 30l Waeco Kompressorkühlschrank dauerhaft über die Batterie und hält unser containertes Essen kühl, welches wir hauptsächlich aus den Mülleimern großer Supermarktketten retten. Natürlich gibt es auch neuere, viel sparsamere Kühlschrankmodelle, aber mich lässt die Idee nicht mehr los, dass alles, was wir jemals besitzen irgendwann auf einer Müllhalde landet. Früher der energiesparende Kühlschrank mit Effizienzklasse B, dann A, dann noch ein wenig besser A+ und heute brauchen wir das neuste Modell mit Internetzugang und A+++++. Ebenso jede politische Zeitung, jedes Reisemagazin und sogar dieser Text hier.
Wie groß ist mein Müllberg, den ich schon hinter mir zurückgelassen habe? Auf welche Höhe lasse ich ihn noch anwachsen? Sollte man nicht Dinge so lang wie möglich nutzen oder wiederverwerten? Obwohl immer wieder etwas Neues angeboten wird, welches mit irgendeiner Innovation aufwarten und gekauft werden will? Reicht es mir, meinen Stromverbrauch auf einem kleinen Display im Wohnmobil abzulesen, oder möchte man die Werte auf dem Handybildschirm bewundern? Ist das sinnvoll? Oder einfach nur geil, sein Zuhause mit dem Telefon zu steuern? Es lohnt sich, die richtigen Fragen zu stellen. Nur sich selber und seinem Gewissen.

Ist es okay, dass zwei Menschen 30.000km mit durchschnittlich 12,5l/100km durch Asien fahren? Sie könnten ja auch zuhause bleiben … Ist es okay, wenn sie das nur aus Freude am Leben tun? Oder weil sie gestresst sind und Urlaub brauchen? Ist es okay, wenn sie einen größeren Sinn dahinter sehen und es tun um ihre Erfahrungen mit der Welt zu teilen? Darf man mit seinem Leben seinen Lebensunterhalt verdienen? Journalist? Filmemacher? Umweltprediger? Umweltverschmutzer? Hedonist? Reisender? Mensch?

So viele Fragen. Keine Antworten. Nur Vergleiche. Gern halte ich mir die deutsche Realität vor Augen, wie ich sie immer wieder durch den Spiegel anderer Kulturen betrachte, bei denen es nicht ganz so luxuriös zugeht wie bei uns: Einfamilienhaus mit 100qm. Egal welche Heizquelle: es muss viel geheizt werden. Zwei Autos vor der Tür, die aller zwei Jahre getauscht werden, da immer eine neuere Ökonorm dafür wirbt, noch mehr einsparen zu können. In dem man wegwirft, Kredite aufnimmt und neu kauft. Irgendwer muss die vielen viel zu schweren 220PS SUVs doch kaufen, die mit 8l Verbrauch und einen Menschen auf dem Fahrersitz zur Arbeitsstelle und zurück gefahren werden wollen. Auch die Smogwolken über unseren Großstädten wollen unterhalten werden. Und mit Euro 6 wird das dann auch besser… Besser, als einen 20 Jahre alten Euro 0 Diesel so lange wie möglich zu pflegen und so viel wie nötig und so wenig wie möglich zu bewegen, oder?
Fernseher, Spielekonsolen; benutzte, wie auch uralte Elektronika, selbst bis in den hintersten Winkel der Dachkammer, die mit einer freien Auswahl an chemisch behandelten Dämmstoffen warm gehalten wird. Essen – je nach Geldbeutel – von überdüngten Feldern in der Nähe, oder aus fernen Erdteilen, herangeschafft unter dem Siegel der Ökonorm. Nachhaltig und hoffentlich fair produziert. Veganes Fertig-Curry mit Sojabohnen aus Brasilien, Inger, Zitrusfrüchte und der Kaffee im Mitnehm-Recycling-Pappbecher. Der Umwelt zu Liebe. Deutsche Vergleiche. Deutsche Verhältnisse?

Viele Menschen haben mein Leben schon als einfach oder minimalistisch betitelt und können sich
ihrerseits ein Selbiges mit „so wenigen Dingen“ nicht vorstellen. Mein eigener Blickwinkel sagt mir: Ich lebe in purem Luxus. Ich lebe – egal wie wenig ich konsumieren möchte – im Überschwang und lasse tausende Menschen auf der Welt für mich arbeiten, die sich selbigen Luxus nicht ansatzweise leisten werden können; egal wieviele Überstunden sie am Fließband schieben. Das Problem heißt Konsum. Jeglicher Konsum. Und die Frage ist, wie jeder Einzelne dazu steht.

„Weniger ist mehr“. Schöner Spruch eigentlich. „Man soll in Maßen genießen“. Kann ich unterschreiben. „Die Masse macht´s“. Und irgendwann ist halt die Kritische erreicht… doch wann? Wie oft kann ich sagen: „Ach komm … egal … dann hol ich mir halt mal einen Kaffee zum Mitnehmen.“ Oder: „Ach komm … scheiß drauf … lass uns einfach in den Süden fliegen.“ Wie oft tue ich etwas – meiner Meinung nach – Verwerfliches, obwohl ich es doch besser weiß?

Wir laufen in den Hafen von Tunis ein. Die Motoren werden gedrosselt und die Rauchschwaden sind nicht mehr ganz so dunkel. Werden nun wohl ein paar Tonnen Öl pro Stunde weniger sein, die durch die Esse wandern. René – ein deutscher LKW Fahrer, der eine eigene Geschichte wert ist – fährt die Strecke zwei Mal die Woche. Stoffe nach Tunesien, fertig genähte Jeans zurück in deutsche Läden. „Hochpreisige Ware“, wie er uns verrät. Jeans, Handtaschen und allerlei Textilien für 200€ aufwärts. Pro Stück. Genäht von tunesischen Frauen, die alle gern einen deutschen Mann heiraten würden und in Europa leben wollen – meint er. Die Näherinnen verdienen zwischen 3 und 7 €. Pro Tag. Davon kann man auch in Tunesien keinen Wohlstand aufbauen, der unserem nur annähernd ähnlich sieht. Würden der europäische Hersteller ihnen das Doppelte zahlen, könnten sie wohl auch in ihrer Heimat zufriedener leben, glaube ich.

So viele Probleme, die mich schier zu überwältigen drohen, wenn ehrlich bin. Da kann man doch auch gleich den Kopf in den Sand stecken, kapitulieren und einfach weiter machen, oder? Ist doch sowieso alles für die Katz und ich kann nichts ändern. Das steuert doch „das System“. Das hören wir ziemlich oft. Gleichzeitig ist es auch eine gute Ausrede einfach nichts zu ändern, weil das ja eigenes Handeln und eigenes Denken erfordern würde. Wir alle zusammen schaffen und sind „das System“.
Ich glaube, die ganze Welt zu ändern ist recht schwierig. Aber auf einen hab ich Einfluss: Mich. Also fange ich bei mir an, denn mein Konsum, meine Nachfrage, bestimmt das Angebot. Das, was ich will, bietet irgendjemand an. Wenn ich den Kaffee nicht mehr zum Mitnehmen kaufe und die Plastiktüte im Supermarkt ablehne ist das nur der Tropfen auf den heißen Stein. Was wäre, wenn aber immer mehr und mehr Menschen den Becher oder den Beutel ablehnen? Würde dann nicht auf absehbare Zeit immer weniger davon produziert werden?

Es gibt 7 Milliarden Menschen. 7 Milliarden Wege durchs Leben. Ich steck meinen Kopf einfach erstmal in meine eigenen Angelegenheiten und versuche die zu klären, ehe ich mir alle anderen anschaue. Hier meine todo Liste, lebenslänglich:

Noch weniger fahren. Noch weniger und gezielter Reisen, so wenig wie möglich Stress ins Leben holen, von dem man dann wieder Urlaub, Bespaßung und Ablenkung braucht. Kamera und Computertechnik so lang wie möglich benutzen. Keine Käufe zur Befriedigung. Nur Dinge, die mir wirklich nützen und am besten wiederverwendet. Selber machen. Regional und bewusst kaufen (da hab ich doch letztens tatsächlich Bio Sonnenblumenkerne gekauft und wurde zuhause beim näher hinschauen unangenehm überrascht: Herkunftsland China. Na toll. Nicht aufgepasst. Mein Fehler). Sachen verschenken, die ich nicht mehr brauche. Anderen Menschen von meinen Erfahrungen erzählen. Mich immer wieder fragen, welchen Nutzen ich aus meiner Arbeit ziehe. Um die Welt ein wenig besser zu machen? Oder arbeite ich für meinen Geldbeutel? Frei, möglichst autark und unabhängig leben, ohne andere zu verurteilen. Eigene Systeme kreieren und nicht die Schuld anderen Systemen geben. Eigene Gedanken entwickeln. Jeder nach BESTEM Wissen und Gewissen und Ehrlichkeit zu sich selbst. Einverstanden?

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🎬 Hier geht’s zu unserem Film „In 927 km rechts“:
https://www.youtube.com/watch?v=vAQF_64e-DY

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