Ideale. Prokrastination. Kinofilm. Papierkorb? Wie mich unser neues Filmprojekt zum stolpern brachte.

Ideale sind Ideale. In unseren Köpfen. Manche gewöhnlicher. Manche speziell. Manche generell.
Eins meiner Ideale ist die Verbreitung von – irgendwie – nützlich gearteten Informationen in die Welt. Mein Weg um diese ein wenig aufzuhellen und auf Vorurteile hinzuweisen. Also schreiben. Also Filmemachen. Ein Weiteres beschäftigt sich mit der Frage: Wie in dieser wachstums- und konsumorientierten Welt so wenig wie möglich im Strom mitschwimmen und sich eher mit dem Sein, als mit dem Haben beschäftigen. Also Filme kostenlos ins Netz stellen, meine Ansprüche herunterschrauben und hoffen, dass es Menschen gibt die mich unterstützen auf dem Weg der freien Publikationen. Ohne Zwischenhändler, ohne die gesamte Werbe- und Geldmaschinerie unnötig anzukurbeln. Guter, ehrlicher Inhalt verbreitet sich meiner Meinung nach genauso weit, wie er kann – einfach durch seine Präsenz. War ja früher nicht anders.

Seit Juni arbeite ich an unserer neuen Asien-Lebens-Reise-Dokumentation „Auf der anderen Seite des Fernsehers“. Diese Arbeit hat mich bisher mehr Kraft gekostet, als jedes andere Filmprojekt in meinem Leben. Nicht, weil mir die Ideen ausgegangen wären, sondern weil es wohl zu viele waren. Unkonventionell. Zu viele Erzählweisen, zu viel Ehrlichkeit, zu verspielt, zu metaphernreich und nicht greifbar?!
Der Referenzwert meiner Erzählweise ist für mich mein eigenes Gefühl, welches ich zu meinem Arbeitsprozess und meinen Geschichten habe. Und wenn ich etwas herausgebe, stehe ich dazu. Denn ich würde es nicht herausgeben, wenn es nicht das Beste wäre, was ich geben kann. Doch nun bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob es wirklich schon fertig; das „Beste“ ist.

Ich mache diesen Film zwar im Schnitt allein und glaube, meiner Kreativität in jedem Filmschnipsel freien Lauf lassen zu können, doch gleichzeitig ist auch Teresa in die Geschichte involviert. Erst sie machte die Filmaufnahmen und die gesammelten Erfahrungen in dieser Form möglich. Ihr kritischer Blick wacht über „unseren Film“ – oder „meinen Film“, je nachdem in welcher Phase der Produktion – und des Produktionskonflikts wir gerade steckten und wie weit wir aufeinander zugehen können. Denn über diese Arbeit ist uns klar geworden: Wir haben vollkommen andere Ansprüche an diesen Film. An die Kreativität. An die Erzählweise. An die Publikationsform. Nie hätten wir gedacht, dass dieser Film unsere Nerven so strapazieren und uns so spalten würde. Denn was darf Kunst eigentlich alles? ALLES?! Ja. Und Nein. Darf ich – als sogenannter Künstler – nun erzählen, was ich will und Texte aus meinem Herzen schreiben und nicht vorrangig für das Publikum/für Andere? Ja. Irgendwie schon. Doch was aber, wenn mein Ideal in Konflikt steht mit dem Ideal einer anderen Person? Was, wenn ich mit meinen Idealen an der Lebensrealität meiner Liebesgefährtin [darf man liebevoll neue Wörter erfinden, statt Lebensabschnittsgefährtin o.ä. zu benutzen?] anecke und Filmschnipsel aneinanderreihe, mit Texten versehe, die Teresa wohl anders kommuniziert hätte? Wenn ich sie nicht „richtig“ genug in meiner Erzählung dargestellt habe?

Auf einmal merke ich, ich bin Einzelkämpfer. Mir fällt es schwer, Teamplayer zu sein, vor allem wenn ich eine Aussage als verfälscht ansehe, sollte man ihr die Direktheit und Ehrlichkeit nehmen.
Aber geht es nicht gerade darum? Eine Ecke zu schaffen, an der man sich stößt um dann herauszufinden, warum? Im Film wie im Leben?

Doch scheinbar habe ich zu viele Ecken geschaffen. Über die Arbeit am Film und am Projekt haben sich unsere Lebensrealitäten – die auf der Reise so fest zusammengeschweißt waren – auseinander dividiert, so dass mir auf einmal die Kraft fehlt, dieses Projekt nun bald zur Beendigung zu bringen; denn bald ist ziemlich relativ.
Anfangs dachte ich, ich produziere einen Film, der eventuell in Kinos und definitiv kostenlos online erscheinen wird [geplant eigentlich genau jetzt]. Im letzten halben Jahr aber merkte ich, ein Film ist viel zu wenig für meine Erzählweise. In eineinhalb oder zwei Stunden lässt sich nicht das rüber bringen, was ich gedenke zu vermitteln. Warum dann nicht also mehrere Teile produzieren und in Etappen herausbringen? Ich kann mir mehr Zeit für´s Leben und zum Erzählen lassen; auf der anderen Seite wird es noch ein weiter Weg im nächsten Jahr durch die gemeinsamen Arbeitsprozesse. Denn ich weiß, wir werden über die Arbeit noch so häufig in Meinungsverschiedenheiten baden, dass ich eigentlich überhaupt keine Lust mehr darauf habe. Meinungsverschiedenheiten im gemeinsamen Arbeiten sind okay, doch gleichzeitig übertragen sich diese Konflikte natürlich auch in das Zusammenleben.
Und auf einmal sind wir über das gestolpert, was uns eigentlich vereinigen wollte: unser Projekt. Und es ist zum Heulen.
Es gibt Momente, da möchte ich gern „echter“ Künstler sein und mein Werk einfach direkt dem Papierkorb zuführen. Warum nicht mal ein halbes Jahr Arbeit einfach löschen, sich damit genauso gut ausdrücken, wie mit der Veröffentlichung? Sich selbst nicht zu ernst nehmen. Sich selbst nicht zu wichtig nehmen. Ich bin ja nun nicht nur über meine Arbeit zu definieren. Und alles, was wir hier auf Erden anfassen, ist im Endeffekt doch eher dem Schall und Rauch zuzuordnen.
Vielleicht bin ich nur ein zu „schwacher“ Mensch und brauche euer Geld, eure Anerkennung, eure Daumen nach oben und genau diese Form meines Ausdrucks um zu existieren und blogge deshalb; vielleicht ist es aber auch einfach ein Zeichen von Stärke, am Prozess, am miteinander Wachsen und Kommunizieren, festzuhalten und nicht alles hinzuhauen? Wat weeß iesch …

Die erste Teil unseres Films ist nun fast bereit zur Veröffentlichung. Ein eher unkonventioneller Trailer steht schon in den Startlöchern. Es fehlt nur noch der Endspurt – die Überarbeitung, die Umkremplung des gesamten Films. Und davor scheue ich mich. Denn dieser Prozess geht nur gemeinsam und wird hart. Dann lieber Prokrastination und mal wieder stundenlang in die Tasten gehauen um Gedanken zu sortieren. Was will ich eigentlich wirklich? Manchmal hab ich das Gefühl, dass mir der Arbeitsprozess, das Schreiben über meine Erlebnisse, die entstandenen Konflikte mehr weiterhelfen, als das Endprodukt an sich. Wie immer: der Weg ist das Ziel. Auch dieser sollte mit Bedacht gegangen werden.

Und diesen, meinen Weg versuche ich so flexibel wie möglich zu halten. Auf Sicherheiten und Planung weitestgehend zu verzichten und zu arbeiten/produzieren/herauszugeben, wie ich es aus mir herauskommt. Ohne festes Einkommen. Ohne Druck. Nach vielen Jahren der Struktur versuche ich nun mehr auf´s Leben zu vertrauen und in der Strukturlosigkeit meinen Halt zu finden und mit meinem eigenen Strom zu schwimmen, der mich genau zum richtigen Ziel führt. Immer. Egal, für welche Richtung ich mich entscheide. Für diese Art zu leben habe ich Vieles aufgegeben und fühle mich nun freier als je zuvor. Doch wo Licht ist, kommt natürlich auch der Schatten zur Ansicht. Kaum einer kann wirklich nachvollziehen, dass es wirklich so funktionieren kann. Nur wenige getrauen sich, diesen -teilweise- unangenehmen Weg einzuschlagen. Je freier ich mich fühle, desto öfter stehe ich allein auf weiter Flur. Doch genau das ist das Ding, an dem ich arbeiten will. Jeden Tag meines Lebens. Denn allein sein ist echt hilfreich um zu sich zu finden; doch einsam möchte niemand sein.

Also werde ich die Kurbel ein wenig zurückdrehen und neu gefundene Ideale wieder und wieder und wieder hinterfragen.Vielleicht sind einige meiner Aussagen im neuen Film gut und richtig, doch vielleicht werde ich sie auch mit Teresa komplett verändern, um Seelenfrieden und neue Kraft für die weiteren Teile finden zu können. Vielleicht muss ich es manchmal doch anderen Recht machen, um es mir letztendlich auch recht zu machen. Vielleicht muss ich gar nicht nach Marokko fahren, vielleicht findet sich die Zufriedenheit genau dort, wo man ist. Egal wo?!

Nun rumort mein Kopf und sagt: Premiere auf Youtube Januar 2018. For free. Gegen Spende. Mal sehen, ob wir das nächste Jahr überleben, ohne uns zu verkaufen und davon beide existieren können.
Premiere des Trailers: Zweiter Advent.
Na schauen wir mal, ob das so bleibt.

Und warum ich das alles schreibe? Um euch Mut zu machen, Konflikten nicht aus dem Weg zu gehen, authentisch und transparent zu sein und für seine Ideale einzustehen. Sich immer wieder zu hinterfragen, sein Verhalten kritisch zu betrachten, Vergebung und Mitgefühl zu üben und immer wieder neu zu entscheiden, wenn man unbeabsichtigt Menschen verletzt hat. Die Außenwelt als Spiegel seiner selbst zu betrachten. Denn was will man mehr vom Leben, als Freunde und Freude. Für was lohnt es sich mehr zu leben, als für die Liebe? Was macht denn sonst wirklich den Sinn dieses ganzen, langwierigen Unterfangens aus?

Also weitersagen und dranbleiben, es bleibt spannend 😉


 

2 Gedanken zu „Ideale. Prokrastination. Kinofilm. Papierkorb? Wie mich unser neues Filmprojekt zum stolpern brachte.

  • Dezember 9, 2018 um 12:46 pm
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    Zum Thema Konflikte fällt mir ein schönes Zitat ein: „Wenn Zwei Menschen der gleichen Meinung sind, ist einer von beiden überflüssig.“
    Oder anders ausgedrückt: Progress findet nur durch Konflikt statt. Und dies ist universell zu verstehen. In der Physik, Chemie, Biologie, der Mathematik, in der Wirtschaft, der Politik, im sozialen und nicht zu Letzt in der Partnerschaft. Die Frage auf deine Antworten muss also lauten: Welches Ziel soll hinter dem Progress stehen und wie bringt mich der Konflikt dahin?
    Ich denke ihr beiden habt euch schon gefunden, auch wenn man das in der heutigen Zeit, wo einem von allen Seiten gesagt wird es ginge immer schneller, höher, besser und weiter, gern mal hinterfragt.
    Wenn ihr euch mal bei der älteren Generation, wie bspw euren Großeltern umschaut, werdet ihr feststellen, dass das Geheimnis eines „gemeinsamen Lebensweges“ ist, den Konflikt anzunehmen und gemeinsam daran zu wachsen. Eben nicht alles nur to go zu konsumieren und anschließend zum nächsten weiter. Wenn ihr das schafft, dann habt ihr gewonnen.
    Selbstverwirklichung und das festhalten an Idealen ist natürlich erstrebenswert. Aber alles hat seinen Preis. Man muss also für sich klar definieren, wie viel man bereit ist dafür zu zahlen.

    Wenn ich meine eigene bescheidene Meinung dazu äußern darf: Eine Partnerin die zu allem was ich tue nur Ja und Amen sagt, wäre nicht lange meine Partnerin.
    Freut euch! Ihr habt jemanden gefunden der eure Interessen und eure Art zu leben teilt – und nicht nur teilnahmslos mit dem anderen mitschwimmt.
    Der Rest ist müßig…

    Beste Grüße
    Robert

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    • Januar 8, 2019 um 6:23 am
      Permalink

      Hi Robert,

      vielen Dank für deine klaren Worte! So ähnlich sehen wir das auch. Es war ein langer Prozess und einige Male standen wir vor der Frage, ob sich diese Konflikte um Ideale wirklich lohnen oder wir doch einfach zu unterschiedlich sind, aber die Herzen wollten einander immer.
      Ja. Jedes „problem“ ist eine Möglichkeit miteinander zu wachsen, zu sich zu stehen und das Beste ineinander zu fördern. Für diese Einstellung haben wir aber ein Weilchen gebraucht … Stimmt. Ja und Amen sagen kann jeder. Aber echte Stärke zeigt sich auch daran, zu sich und seiner Meinung zu stehen. Da bin ich für mich und Teresa sehr dankbar. Liebe Grüße Martin

      Antworten

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