Wie uns das Reisen veränderte

Eigentlich sollte an dieser Stelle ein neuer Videopodcast erscheinen, doch irgendwie passiert zu viel, als das ein klarer Kopf dafür da wäre. Nicht, dass auf unserer Reise durch Asien wenig passiert wäre, doch das, womit wir in Deutschland konfrontiert sind, lähmt uns, raubt uns die Kraft und die Kreativität. So viel ist los, so viel passiert, Informationsfluten überschütten uns mit Phrasen, Menschen wollen kontaktiert, Zukunftspläne geschmiedet, alte Muster bekämpft und Lebensinhalte wieder gefunden werden. Termine. Termine. Unsicherheit.
Nach Monaten des Lebens on the road umgibt uns nun wieder eine riesige Außenwelt. Weg von der Natur, zurück in der Zivilisation – Willkommen im Stress und den Problemen der anderen.

Wir fühlen uns fremd an dem Platz, der nun wieder unsere Heimat darstellt. So viel läuft in diesem „freien“ Land richtig, doch so viel läuft auch falsch. Immer wieder fühlen wir um uns die Leere in einem Universum aus Anerkennung, Leistungsdruck, Kreditlasten, Konsumrausch, Werbung und Kapitalertragszinsen. Nach neun Monaten ohne Uhr, ohne Termindruck oder Leistungszwang, 24h/7 zusammen auf engstem Raum, nach Nächten der Kommunikation, des Feierns und Loslassens, des Hippie-Lebens, nackt tanzend auf grünen Wiesen und des Kennenlernens anderer Kulturen, scheinen wir nun die Ängste, Sorgen und Bedürfnisse der Menschen die uns umgeben, besser wahrnehmen zu können und schauen mit ein wenig Abstand auf das System, welches uns groß gezogen hat. Ein System, aus dem es schwer ist, auszubrechen. Ein System, gebaut in den Köpfen der Menschen – auch in unseren Köpfen. Ein System aus Versicherungen, Grenzen, Regularien, Bürokratie und Abgabe der eigenen Verantwortung. Ein System aus weniger Sein als Schein und Geld, aus Wünschen und abstrakten Erwartungen.

Viel zu oft müssen wir uns erinnern was wir WIRKLICH brauchen und was wohl die meisten Menschen um unser herum gebrauchen können: Ruhe, Frieden, Natur und Liebe. Und hier finden wir es schwerer.

Und irgendwie müssen wir uns nun in zwei verschiedenen Welten zurecht finden. Plötzlich finde ich – Martin – mich in einem kleinen grünen Bus wieder, auf den Straßen von Dresden lebend, losgelöst von meinem alten Selbst, losgelöst vom Antriebsdrang, den ich mir so hart antrainiert hatte, ohne Sicherheiten, ohne Sparbücher und mit weniger Planung als je zuvor. Das Leben wird minimalistisch, das Geld zweitrangig, die Zukunft undeutlicher und damit spannender, als ich es je gedacht hätte. Immer wieder muss ich hart mit mir ins Gericht gehen und mich gegen meine eigenen Zweifel und alten Strukturen durchsetzen: Sicherheiten. Geldverdienen. Familienplanung, Existenzängste.
Es hat mich viele Jahre gekostet, um zu erkennen, was für mich „frei“ zu sein bedeutet: Es ist nicht die Freiheit, irgendwo hinzufahren um damit vielleicht Altlasten hinter mir zu lassen und vor irgendwas wegzulaufen. Nein. Freiheit ist, meine Ängste ablegen und den Moment genießen zu können, egal wo ich gerade bin und wie hart die Welt um mich herum auch scheinen mag. Denn alles Glück was ich suche, finde ich in mir. Es hat zwei Jahre Weltreise, Wiederankommen, Arbeit, Überforderung, Trennung, Scheitern, eine neue sonnige Liebe, Meditation und eine weitere Reise gedauert, bis ich dies erkennen durfte.
Danke Leben für deine Vielfalt.

Warum erzähle ich euch das alles? Ich glaube, weil ihr es wissen wollt. Weil ihr Teil von etwas und Zaungast sein möchtet. Aber ich schlage euch vor: Seid nicht nur Zuschauer in anderen oder in eurem Leben – werdet Akteur. Nehmt die Beine in die Hand und lauft um euer Leben und haltet mal inne. Denn im wahrsten Sinne des Wortes geht es genau darum. Verantwortung für sich und seine Umwelt zu übernehmen, auf eigenen Beinen zu stehen und niemandem genügen zu müssen, außer sich selbst. Denn ihr entscheidet, wohin und wie weit ihr lauft. Bis nach Asien oder nur bis in den nächsten Wald, um mal wieder ein wenig Ruhe zu spüren. Jeder kann um die Welt reisen, wenn er nur wirklich daran glaubt. Doch man muss es nicht. Alles finde ich vor der Haustür, wenn ich meine Blick dort hin richte, wo ich normalerweise nicht hinschauen würde. Ich habe nur den Moment. Alles Andere ist vergangen oder Spekulation.

Mal sehen, wann der nächste Podcast dann rauskommt. Und der Kinofilm?

Bleiben Sie dran, es bleibt spannend

 

》Das erste Mal reist Du, um Deinen Horizont zu erweitern.
Das zweite Mal reist Du, um Dich selbst kennenzulernen.
Das dritte Mal reist Du, um zu erkennen, was Du wirklich vom Leben willst. 《

 

2 Gedanken zu „Wie uns das Reisen veränderte

  • Mai 23, 2018 um 3:20 pm
    Permalink

    Hallo Martin,
    du hast es auf den Punkt gebracht: Reisen ist eine tolle Erfahrung, kann aber auch Flucht sein.
    Alles was man braucht um glücklich zu sein hat man in sich, und kann es finden wenn man sich mit sich selbst auseinander setzt. Und dann erkennt man die Glücksmomente schon direkt vor seiner Tür – und natürlich erst recht die auf Reisen.

    Du hast einen super Blog bzw. eine tolle HP, ich werde heute Abend noch ein bisschen stöbern!

    Viel Glück und immer gute Fahrt!
    Claus

    Antworten
  • Mai 27, 2018 um 5:37 am
    Permalink

    Mutig und toll geschrieben! Wenn man sich traut, liegt Freiheit näher, als man zu glauben wagt. Nur das Trauen – das ist so eine Sache… Respekt!

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.