Ein Tag in der Wüste Gobi

Ein Tag in der Wüste Gobi

07:30 Nachdem der Wind sich in der Nacht gelegt hatte und mittlerweile die Sonne wieder aufgegangen ist, bringen heftige Windböen das Auto kräftig zum Wackeln. Das stetige Gluckern der Wasserkanister, sowie des Dieseltanks nervt auf Dauer, so dass wir aufstehen.

08:00 Das Frühstück wird zu einem Kampf zwischen Bratpfanne (heute gibt es Rührei und Speck) und dem Sand, den der Wind mit sich bringt. Immer wieder stürzt sich Kathi schützend über die Pfanne. Eine Außenküche hat eben auch seine Nachteile. Das Frühstück schmeckt und an das leichte Knirschen gewöhnt man sich mit der Zeit.

09:00 Bevor wir losfahren können, muss Martin noch den Keilriemen wechseln. Dieser ist uns einen Tag zuvor gerissen. Da dies aber zu einer Zeit geschah, als wir uns sowieso einen Platz für die Nacht suchen wollten, sind wir einfach an einem verheißungsvoll windstillen Fleckchen stehen geblieben und haben die Reparatur auf den darauffolgenden Tag verschoben.

10:00 Nachdem wir die Werkzeuge verstaut und den Bus wieder abfahrbereit gemacht haben, begeben wir uns in Richtung der Khongoryn Els Sanddünen. Einen der Touristenmagnete der Mongolei. Über 100km² erstreckt sich das Dünenfeld und erreicht bis zu 200 Metern Höhe.

11:00 Die Fahrt führt uns über etliche Kilometer Wellblechpiste oder, wie wir sie nennen: Schüttel-den-Speck-Straßen. Sowohl wir, als auch der Bus werden kräftig durchgerüttelt. Ein kurzes, lautes Krachen von der Vorderachse lässt nix Gutes ahnen. Martin steigt aus und ein kurzer Blick bestätigt die Vermutung: Der Stabilistaor hat einen Gummi verloren. Kathi geht die letzten gefahrenen Meter noch einmal ab und findet Gummi, Mutter und eine kleine Unterlegscheibe im Geröllfeld wieder.

11:30 Der Stabi sitzt wieder an seinem Platz und die Fahrt kann weiter gehen. Angestrengt lauschen wir auf jedes kleine Geräusch. Bei jedem noch so kleinen Krachen, Zischen oder Pfeifen halten wir an und Martin legt sich unters Auto Den Blaumann hat er gleich anbehalten. Vorsichtshalber. Doch es handelt sich glücklicherweise nur um Steine die an den Bus knallen oder Windgeräusche. Unsere Was-war-das-für-ein-komisches-Geräusch-Paranoia hat mal wieder seinen Höhepunkt erreicht: Heute der Stabi, gestern der Keilriemen, vorgestern eine Schraube in den Reifen eingefahren (Platten Nr. 3 auf der Reise!) und noch einen Tag zuvor ist eine Zusatzfeder herausgesprungen. Ja, die Mongolei verlangt von Mensch und Maschine so einiges ab.

13:30 Nach zwei Stunden anstrengender Fahrt gönnen wir uns eine kurze Pause und füllen an einem Brunnen unsere Wasserkanister auf. Auch unsere Gesichter bekommen ein wenig Frischwasser, denn Staub und Sand kleben einfach überall. Die Luft ist extrem trocken und man hat ständig das Bedürfnis sich Hände, Lippen und Gesicht eincremen zu wollen. Doch der zurückbleibende Fettfilm zieht Staub und Sand nur noch mehr an. Ein wahrer Teufelskreis!

14:00 Weit sind wir nicht gekommen. Der neu eingesetzte Keilriemen qietscht schon wieder. Nicht gut! Obwohl der Wind mittleweile noch stärker weht und wir inmitten in einer flachen Ebene stehen, in der kein Baum, noch Busch oder Fels Windschutz gewähren können, legt sich Martin unter den Bus. Und macht eine interessante Feststellung: Die Lichtmaschine hängt schief. Wir gehen zurück in unsere Erinnerungen und kommen zu der Erkenntnis: Die Lichtmaschine wurde in Thailand falsch eingebaut, ein Gummipuffer fehlt nun. Wahrscheinlich war der Mechaniker gegen Ende des ungewohnt harten Arbeitstages zu faul diese zu suchen und dachte sich, dass das auch so funktioniert. Die Quittung haben wir nun vorliegen: Die Buchse ist ausgeschlagen, was die Lichtmaschine in Schieflage bringt und der Riemen nutzt sich schneller ab. Jetzt ist Martins Improvisationstalent gefragt und schon bald findet sich eine vorübergehende Lösung mit Hilfe einer ordentlichen Portion Klebeband um die Schraube gewickelt 🙂

15:30 Majestätisch erheben sich die Sanddünen aus der weiten Ebene. Auf der Karte haben wir einen Weg gesehen, der durch das Dünenfeld hindurch auf die andere Seite und somit noch weiter in die Einsamkeit der Gobi führt. Wir können den Weg allerdings auf Anhieb nicht finden und fragen in einer der vielen Touristen-Jurten-Camps nach. Die Leute sind sehr freundlich und wundern sich, dass Mitte Mai schon die ersten Touristen unterwegs sind. Normalerweise kommen die nämlich erst Ende Mai oder Anfang Juni. Das Wetter ist im Frühling besonders extrem. Hitze- und Kältewellen wechseln sich täglich, ja manchmal sogar stündlich ab und ein mongolisches Sprichwort sagt: „Wenn du den Frühling überstanden hast, bleibt dir noch ein weiteres Jahr.“

16:00 Mit der Wegbeschreibung ausgestattet folgen wir einem zunächst passablen Weg, der jedoch mehr und mehr in tiefen, losen Sand übergeht. Strandfeeling pur. Um nicht stecken zu bleiben lassen wir den Reifendruck auf 0,8 bar ab. Nun geht es viel einfacher voran und Martin hat seinen Spaß beim Rallyefahren in dem weichen Terrain. Ken-Block-mäßig bringt er das Heck quer um die Kurven, immer zweiter Gang und den Fuß auf Vollgas während Kathi sich in ihrem Sitz verkrampft und die Fingerknöchel schon weiß werden. Ein ohrenbetäubend lautes Krachen beendet den einseitigen Fahrspaß. Die abgelassenen Reifen führen unvermeidlich zu einer Tieferlegung um gut vier Zentimeter. Ein großer Stein ist so an den Querlenker geknallt und hat eine mittelgroße Delle hinterlassen – sonst nix. In Deutschland werden wir das fachgerecht zurückdängeln müssen.

16:30 Nun stehen wir vor dem kleinen Weg, der über das Dünenfeld führt. Drei Kilometer tiefer Sand und jede Menge Ungewissheit was hinter der nächsten Düne kommt und ob wir es mit unserem Hecktriebler überhaupt schaffen könnten. Die Sandmassen kommen uns so gewaltig vor, wie wir uns die Sahara vorstellen. Da wir für den heutigen Tag schon genug Action verspürt haben und in Ruhe das Vorhaben auf uns Wirken lassen wollen, beschließen wir eine Nacht darüber zu schlafen.

17:00 Der Wind weht mittlerweile derart stark und bringt solche Massen an Sand mit sich, dass wir uns gut 10 km weiter in einen kleinen Canyon flüchten, der uns Windschutz bieten soll. Einem ausgetrocknetem Flusslauf folgend bleiben wir in den roten Sandsteinklippen stehen und genießen unseren Stellplatz mit ganz alltäglichen Dingen wie lesen oder eben diesen Bericht zu schreiben. Die spätnachmittagliche Sonne scheint noch kräftig und wärmt angenehm.

18:00 Kathi hat sich zu einem kleinen Spaziergang aufgemacht und findet sich bald inmitten einer Herde von Schafen und Ziegen wieder. Die kleinen Lämmer und Zicklein sind so drollig und es macht Spaß den Tieren bei ihrer Futtersuche zuzusehen. Mit gesenkten Köpfen grasen sie jeden Millimeter des ausgetrockneten Steppenbodens ab und finden hier und da immer wieder einen saftigen Grashalm oder ein frisches, grünes Blatt an einem der Saxaulsträucher. Es ist doch immer wieder erstaunlich wieviel Leben in dieser auf den ersten Blick trostlos und vertrocknet scheinenden Gegend steckt. Erst bei genauerem Hinsehen erschließt sich dem Betrachter die Überlebenskunst von Pflanzen, Mensch und Tier.

18:30 Währenddessen hat Martin beim Bus Besuch von einem Nomaden-Ehepaar bekommen, die auf der Suche nach ihrem Weidevieh mit dem Motorrad durch den Canyon fahren. Und obwohl wir außer „Guten Tag“ und „Danke“ kein Wort mongolisch und die beiden kein Wort Englisch sprechen, klappt die Verständigung mit Händen, Füßen und Zeichnungen auf dem Boden ganz gut. Ein Foto zum Abschied darf natürlich nicht fehlen und stolz posiert das Paar neben uns und unseren Gefährten.

19:30 Nach dem Abendessen haben wir uns in den Bus verzogen und jeder hängt seinen Gedanken nach. Sollen wir es wagen morgen durch die Khongoryn Els zu fahren oder lassen wir die Vernunft siegen und wählen den augetretenen Pfad nach Norden? Plötzlich klopft es an der Scheibe. Kathi ist sich sicher, dass es nochmal das nette Nomaden-Ehepaar von vorhin ist, doch als sie den Vorhang Beiseite schiebt steht vor ihr ein Polizist in seiner Uniform. Sie öffnet das Fenster und fragt „Ok? Ok?“ während sie Daumen und Zeigefinger zu einem Kreis formt. Der Polizist nickt freundlich und steigt wieder zu seinem Kollegen in seinen alten, klapprigen Pick-Up. Wie sie uns hier gefunden haben, wo sie herkommen und wo sie hinwollen ist uns ein Rätsel, denn wir sind gut 100 km von den nächsten größeren Siedlungen entfernt und kein Handysignal dringt bis hierher vor.

20:00 Belustigt und zugleich verstört von den Erlebnissen des Tages bauen wir unser Bett auf und gönnen uns ein Glas Bier aus der 2,5 Liter – nomadenfreundlichen Flasche bevor wir in wilde Träume von alles verschluckenden Dünen, Sandverwehungen die die Hand vor Augen nicht mehr sehen lassen, endosem Schaufeln und Schieben, durchdrehenden Reifen und kilometerlangem Sandbleche legen. Werden wir uns auf ein neues Abenteuer einlassen oder schonen wir Nerven und Fahrzeug? Aber das ist eine andere Geschichte …