Nochmal Glück gehabt …

Wir fahren durch die wunderschöne Gebirgswelt zwischen Leymebamba und Celendin – noch nichts davon ahnend, was die nächsten Stunden und Tage für Aufregung mit sich bringen werden. Hier und da legen wir einen Fotostopp ein, winden uns entlang steiler Bergpässe und Serpentinen hinunter ins heiße Trockental von Balsas. Unser Etappenziel für den Tag soll das über 150 km entfernte Cajamarca, oder zumindest in 50 km das Örtchen Celendin sein.

Kurz nachdem wir das trockene Tal hinter uns gelassen haben und die Straße wieder ansteigt, müssen wir eine Vollbremsung einlegen. Grund: Ein kleiner, peruanischer Kombi kommt uns plötzlich mit völlig überhöhter (und für die Streckenführung übertriebener) Geschwindigkeit entgegen. Unser Motor geht aus und als wir ihn wieder starten wollen, um dem Kombi auszuweichen, läuft zwar der Motor, aber wir haben keinerlei Leistung mehr. Anfahren am Berg unmöglich. Also rollen wir langsam in die nächste Ausweichbuchte zurück, die zum Glück hinter der letzten Kurve liegt.

Nachdem Martin sich den Motor angeschaut hat, findet er schnell den „Übeltäter“: Ein Zahnrad des Ausgleichsriemens ist abgefallen. Ebendieser hat sich unter den großen Zahnriemen geschoben und diesen um vier Zähne versetzt. Alles kein Problem – Zahnriemen neu aufsetzen und weiter geht’s. Da es noch früh am Tag ist, sind wir optimistisch unsere Fahrt heute noch fortsetzen zu können. Und falls nicht, stehen wir ganz ok für die Nacht neben der wenig befahrenen Straße.

Zufälligerweise haben wir uns einen Tag zuvor eine peruanische SIM-Karte gekauft, mit der wir für ein paar Soles mobiles Internet haben. Dank Support aus der Heimat (Wie öffnet man die Kurbelwellenriemenscheibe ohne Schlagschrauber?) hat Martin zum Einruch der Dunkelheit das Problem behoben und pünktlich mit dem letzten Schraubendreh rollen Sabine und Thomas (www.abseitsreisen.de) vor. Die beiden haben wir einige Tage zuvor auf dem Weg zur Festung Kuelap getroffen. Den Abend verbringen wir gemeinsam in „unserer“ Ausweichbuchte. Am nächsten Tag wollen wir bis Celendin fahren, um dort einen neuen Zahnriemen zu kaufen. Und dann sehen wir weiter.

Am Abend rekonstruieren wir, wie die Vollbremsung und der gerissene Ausgleichsriemen zusammenhängen: Vermutlich war das Zahnrad des Ausgleichsriemens schon länger locker, die Vollbremsung war schlussendlich nur der Auslöser, der das Zahnrad vollends abfallen lies.

Wir setzen also unsere Tour fort und freuen uns schon, dass wir nochmal so glimpflich davon gekommen sind. Und kommen genau 45 km, also 5 km vor Celendin. Der Motor wird plötzlich unnormal laut und knallt aus dem Auspuff. Super! Auslöser war erneut eine etwas stärkere Bremsung, diesesmal allerdings wegen eines verhassten „Tope“ (Geschwindigkeitsreduktor). Der Motor klingt wieder „komisch“, aber läuft noch. Also erneut alles aufgemacht, geprüft, nix zu sehen. Weiterfahren ja, oder nein? Wir entscheiden uns für ja, denn mehr kaputt machen, hätten wir ohnehin nicht können. Fünf Straßen weiter knallt es kurz und heftig. Das war`s dann mit dem Weiterfahren! Im Ort laufen wir von einem Mechniker und „Repuesto“-Shop zum nächsten, aber immer das Gleiche: „No hay“ – „Haben wir nicht. Können wir nicht. Wollen wir nicht. Verstehen wir nicht“ … Wir auch nicht!

Am Straßenrand schauen wir nochmal, was da so „komisch“ klang. Martin findet unter der Riemenscheibe eine völlig verbeulte und zerschrammte Unterlegscheibe. Haben wir schlampig gearbeitet? Sind wir Dilettanten? Waren wir zu hastig? Wie auch immer – das verdammte Teil lag total versteckt, wir haben es übersehen und bei der „Tope“-Bremsung ist die Unterlegscheibe in den Kreislauf des Zahnriemens gelangt, es gab einen Schlag des Kolbens gegen das Ventil und dabei ist der Kipphebel gebrochen – worst case!

Wir stehen in dem bescheidenen Bergörtchen Celendin ohne gescheiten Ersatzteilladen geschweige dem fähigen Mechaniker. Da wir irgendwo (Cajamarca, Trujillo oder gar Lima) einen neuen Kipphebel sowie Zahnriemen besorgen müssen, wollen wir uns zu einem Hotel schleppen lassen, um dann mit dem Bus zunächst nach Cajamarca (4 Std.) zu fahren. Genau in dem Moment rollen Sabine und Thomas mit ihrem Mercedes 911 an uns vorbei. Und für die zwei stand sofort fest, dass sie uns nicht in dem „Kaff“ zurücklassen, sondern uns nach Cajamarca schleppen von wo aus wir besser organisieren und agieren können. Im schlimmsten Fall müssen wir nämlich das Ersatzteil aus Deutschland kommen lassen und das kann dauern. Also brauchen wir auch einen Platz, an dem wir gegebenenfalls etwas länger verweilen können.

Da die 100 km lange Straße aber zur Zeit im Bau ist und nur zwischen 18Uhr und 6Uhr befahrbar ist, müssen wir eine Nachtschicht einlegen. Mit Cola und Keksen ausgestattet stehen wir (bzw. wir hängen eher am Abschleppseil…) an der Einfahrt zur Baustelle. Nach 100 km sowie 7,5 anstrengenden, nervenaufreibenden und kalten (die Heizung funktioniert ja nicht) Stunden erreichen wir Cajamarca. Die beiden Fahrer haben sich wacker geschlagen, und uns über matschige Baustraßen, enge Serpentinen, sowie 3700 Meter hohe Pässe manövriert. Nachts halb zwei öffnen wir die Flasche Sekt, die wir seit mehreren Monaten mit uns herumfahren und lassen die Korken knallen. Zwar ist Herr Lehmann davon nicht repariert, aber diese Fahrt war ein unglaublicher Kraftakt für alle Beteiligten und dass wir heil angekommen sind muss gefeiert werden!

Am nächsten Vormittag sieht die Welt schon wieder ganz anders aus, als wir beim Mitsubishi-Autohaus in Cajamarca aufschlagen und wir tatsächlich in weniger als 30 Minuten die richtigen Kipphebel plus Zubehör in der Hand halten (das erste kompetente Mitsubishi Autohaus seit Deutschland!). Wir können uns Glück kaum in Worte fassen. Keine Nachtbusfahrt nach Lima (12 Std.), kein Ersatzteilversand aus Deutschland, kein ewiges Festhängen an einem Ort! Es ist unglaublich. Zwar haben die Jungs von Mitsu keinen neuen Zahnriemen vorrätig, verweisen uns aber an ebenso kompetente Dritthändler auf „der“ Automeile im Ort. Dort werden wir genau so schnell fündig. Und da der Laden sehr gut sortiert ist, gibt’s gleich noch neue Stabis und diverse weitere, kleine Ersatzteile für unseren Gefährten.

Es folgt ein Abend mit zünftigen Lagerfeuer und leckerem Grillgut, denn auch die erfolgreiche Ersatzteilsuche muss ja gefeiert werden! Am nächsten Vormittag legen Martin und Thomas los und bauen die Kipphebelwelle erst aus und dann wieder ein. Die beiden schrauben was das Zeug hält. Kathi sitzt am „Ticker“ und leitet noch diverse Anweisen aus der Heimat weiter, um diesmal auch wirklich alles richtig zu machen. Thomas zeigt Martin wie die Ventile eingestellt werden und wir profitieren von seinen Erfahrungen auf diesem Gebiet. Zudem ist der LKW mit allen nützlichen und notwendigen Ersatzteilen bestückt, die das Arbeiten um einiges leichter bzw. überhaupt erst möglich machen.

Gegen Mittag ist es dann so weit: Der Schlüssel wird ins Zündschloss gesteckt und umgedreht. Die Spannung ist fast unerträglich – Trommelwirbel – er läuft!!! Uns fallen sämtliche hochalpinen Faltengebirge der Welt vom Herzen. Nach drei unvorstellbaren Tagen schnurrt unser Herr Lehmann wieder wie ein Kätzchen und: Er klingt sogar besser als vorher.

Zusammenfassung:

Wir haben mehr Glück als Verstand gehabt. Durch eine winzige Unachtsamkeit haben wir mehr oder weniger den kompletten Motor lahm gelegt. Es ist für uns immer noch irgendwie unglaublich, dass der Spuk nach drei nervenzehrenden Tagen schon vorüber ist. Unserer Abenteuerliste haben wir nun um ein weiteres Erlebnis bereichern können – allerdings hätten wir auf diese Erfahrung auch gut und gerne verzichtet.

Kostenaufstellung:

Zwei neue Kipphebel plus diverses Zubehör: 150 €

Sabines und Thomas‘ Hilfe: unbezahlbar

1 Comment Add Yours

  1. Christel

    Hallo Ihr Zwei,
    es gibt hier in Deutschland auch ein L300 Womo Forum, da ist ein Typ den Sie alle nur „Mac Gyver“ nennen, bei solchen Pannen wie die beschriebene wäre das wohl „der Virgtuelle Mechaniker“.
    Der hat mir mal Online geholfen, im Chat mit meinem Smartfone konnte ich nach 1 Stunde weiterfahren.

    Euch beiden alles gute.
    Grüßlis
    Christel

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