… oder, warum man keinen Allrad braucht.

Oft werden wir von anderen Reisenden erstaunt gefragt: „Was, ihr habt keinen Allradantrieb? …“

Nein. Haben wir nicht und haben wir auch noch nicht gebraucht, obwohl wir so ziemlich alle Neben-, Offroad- und Dreckstrecken gefahren sind, wie alle anderen. Teils sogar Strecken, von denen noch nie jemand etwas gehört hatte. Von schlammigen Wegen in den peruanischen Anden, über Flussdurchfahrten in Costa Rica, bis zu Tiefsandpassagen in Chile hat unser Herr Lehmann alles gemeistert.

eingeschneit

eingeschneit

„…Ihr fahrt nach Feuerland im Winter!? Und das ohne Allrad!? Ihr seid wirklich verrückt“ … ist unser Lieblingskommentar und trifft es ziemlich gut.

Natürlich sollte man mit einem heckgetriebenen Fahrzeug die wichtigsten Grundregeln beachten:

Habe ich genug Bodenfreiheit?

Habe ich ordentliche, grobstollige Reifen?

Ist mein Luftdruck dem Untergrund angepasst?

Diese Voraussetzungen, kombiniert mit einem geringen Fahrzeuggewicht (2,3 Tonnen voll), einem vorausschauenden Fahrer und einem umsichtigen Beifahrer haben uns sicher durch alle Gefilde gebracht. Ein Kompressor zum Aufpumpen der Reifen, zwei Sandbleche für den Notfall, eine Schaufel und Highjack / oder Seilwinde zum rausziehen, sind aber Pflicht.

Oft sind es andere Faktoren, die ein Weiterkommen verhindern oder ein Festfahren provozieren.

Tiefsandfahrten sind unberechenbar. Mit geringem Luftdruck (1 Bar) kann man entspannt durch die Dünen der Atacama Wüste cruisen, sollte aber immer im Hinterkopf behalten, dass man nur über den Sand „fliegt“. Ein plötzlicher Anstieg, der das Fahrzeuggewicht verlagert, kann schnell zum Versinken der Räder führen. Ebenso sollte man nur sehr langsam bremsen, da bei einer schnellen Bremsung die Vorderräder in einem Loch versinken und man beim Anfahren die Hinterräder definiv versenkt! Oft kommt auch der Spaß, beziehungsweise auch Übermut ins Spiel, denn man will immer weiter und höher hinaus. Aber genau da lauert die Gefahr des Einsinkens und man erwischt zu 100% eine Stelle, aus der man sich freischaufeln muss. Problem bei Allradfahrzeugen: sie versinken gleich mit allen vier Rädern und buddeln sich schneller bis zum Bodenblech ein. Wir hingegen müssen nur das Heck anheben und weiter geht´s (in den meisten Fällen). Zum „Spaß“ haben wir uns drei mal im Sand versenkt. Auf einer Sandstraße, die wir fahren mussten, nie.

Chachapoyas Tiefschlamm

Schlamm ist zum Beispiel in Peru weit verbreitet. Die meisten Nebenstraßen sind festgefahrene Lehmpisten. Nach einigen Tagen Regen reicht es schon, wenn die oberen zwei Zentimeter der klebrigen Paste aufgeweicht sind. In einem Moment fährt man noch entspannt, Sekunden späfter setzen sich die Mud Terrain Reifen (grobes, 1cm tiefes Profil!) zu und man beginnt zu schlingern. Teilweise fühlte es sich an, als würde man auf Glatteis rutschen. Da hilft nur zweiter Gang Vollgas und mit Schwung durch den Matsch, was natürlich auch sehr gefährlich sein kann. Bei steileren Anstiegen muss man wieder auf die Sandbleche zurückgreifen und sich Meter für Meter hocharbeiten. Zum Glück stehen wir mit diesem Problem nicht allein da. Wir hörten von vielen Allradfahrzeugen, dass die Reifen im Lehm genauso zugesetzt waren und sie nicht mehr vorankamen. Teils auf den selben Strecken. Seit dieser Erfahrung haben wir Schneeketten, die bei Matsch wunderbar ihren Dienst verrichten. Natürlich fährt man sich erst fest, dann erinnert man sich, dass man die Dinger hätte aufziehen können …

Wasserdurchfahrt Costa Rica

Bei Wasserdurchfahrten gilt die Regel, nicht viel höher als Reifenoberkante. Das sind bei uns 60-75cm, die wir bis jetzt maximal gefahren sind. Sicher geht es auch noch ein Stück tiefer rein, aber man sieht es ungern, wenn das Auto wegschwimmt. Im Ernstfall immer eine Ausweichroute suchen. Hier hat ein Allrad den Vorteil, dass er von Haus aus meistens noch höher ist als unser Auto.

Zu Allerletzt: natürlich fährt man sich immer fest, wenn man so gar nicht darauf vorbereitet ist. Kurz vor Sonnenuntergang, wenn man übermüdet ist, oder wenn man gerade ziemlichen Hunger hat. Da hilft alles nichts. Ruhe bewahren, Freischaufeln, Weiterfahren. Rausziehen mussten wir uns nie!

Was würden wir besser machen?

Hecktrieb? Immer wieder. Jedoch mit einigen Modifikationen.

In Peru ging es für uns bis auf 5000m hoch. Der Sauerstoffmangel auf dieser Höhe lässt dem Motor die Luft ausgehen. Man kriecht dann die Berge mit ungefähr 35-40PS hoch und hofft, dass die nächste Steigung nicht allzu steil wird. Einen Pass auf der Höhe konnten wir wegen des Leistungsverlustes nicht mehr fahren, wurden aber glücklicherweise von Sabine und Thomas mit ihrem 911er hochgezogen. Ohne die beiden hätten wir einfach eine Ausweichroute genommen.

Das nächste mal: Untersetzung einbauen! Diese ist bei den meisten Allradlern schon drin und untersetzt das Getriebe, so dass man mit doppelter Kraft, aber halb so schnell, alle Anstiege erklimmen kann.

Große Verschränkungen – wenn man zum Beispiel schräg durch einen Straßengraben fährt – lassen uns im wahrsten Sinne des Wortes in die Luft gehen. Sobald ein Hinterrad in der Luft hängt, geht gar nichts mehr. Das Differential verteilt die Kraft zu 100% auf das schwebende Rad, man sitzt im – eigentlich leicht zu fahrenden – Graben fest und Kathi muss aussteigen und schieben.

Das nächste mal: Differentialsperre einbauen! Dieses kleine Gimmick verteilt die Kraft 50/50 auf beide Hinterräder, auch wenn eines in der Luft hängt. Auch super im Schlamm und im Sand.

Zu Allerallerletzt:

Natürlich beeinflussen sich alle Faktoren mehr oder weniger. Man kann mit einem guten Hecktriebfahrzeug die abgelegensten Offroadtracks fahren und sicher ankommen; genauso wie man sich mit einem Highend Allradfahrzeug sofort festfahren kann. Oder umgekehrt. Oft sahen wir die riesigen Expeditions LKWs mit vier Differentialsperren und 1m Bodenfreiheit – Gefährte, mit denen man die Sahara mehrere Wochen durchqueren könnte. Wenn man aber nachfragte kam heraus, dass diese Boliden zu 95% auf Asphalt bewegt werden und noch nie eine Düne von oben gesehen haben.

2 Comments Add Yours

  1. Seb

    Hi ihr zwei!

    Tolle Seite und tolle Vlogs. Respekt. Das mit dem Mitsubishi Hecktrieb kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen. Hatte den gleichen in Australien und damit tausende Kilometer Wüstenpiste und mehrere tiefe Flußdurchquerungen gemacht. (mit eingepacktem Zündverteiler und Sonnenmatte als „Bug“ am Bullbar) Im Vergleich zu anderen Vans ist der L300 echt extrem Geländetauglich. Und das obwohl meiner zudem noch Automatikgetriebe hatte… Big fail! 😉

    Noch viel Glück auf den letzten Kilometern!

    Seb

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  2. Sofia

    Echt toller Bericht danke dafür !!

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